Halsband oder Geschirr

Geschirr oder Halsband für Welpen? Die Entscheidungshilfe (Pro und Contra)

⚠️ Wichtiger Hinweis: Nutzen Sie für Welpen NIEMALS sogenannte „Erziehungsgeschirre“ (die sich unter den Achseln zuziehen) oder Würgehalsbänder. Diese verursachen Schmerzen und können das empfindliche Skelett eines jungen Hundes dauerhaft schädigen.

Hallo, ich bin Sabine Reincke. Wenn Sie in den Zooladen gehen, stehen Sie vor einer Wand aus Nylon und Leder. Was soll man nehmen? Der „alte Schlag“ der Hundetrainer sagt oft: „Nimm ein Halsband, da hast du mehr Kontrolle.“

Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wenn ich einen Welpen sehe, der röchelnd im Halsband hängt, tut mir das Herz weh. Ein Welpe hat noch keine Nackenmuskulatur wie ein Stier. Seine Halswirbelsäule ist weich. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen, warum ich für die ersten Monate fast immer das Geschirr empfehle – und wann das Halsband trotzdem Sinn macht.

⚡ Das Wichtigste in Kürze

  • Gesundheit geht vor: Welpen springen oft unkontrolliert in die Leine. Ein Geschirr fängt diesen Ruck am stabilen Brustkorb ab, ein Halsband würgt am Kehlkopf.
  • Ausbruchssicher: Viele Welpen winden sich wie Aale rückwärts aus dem Halsband, wenn sie Panik bekommen. Ein gut sitzendes Geschirr verhindert das.
  • Training: Leinenführigkeit lernt der Hund nicht durch Schmerz am Hals, sondern durch Konsequenz.
  • Kontext: Welches Modell passt, erfahren Sie in unserer Checkliste Erstausstattung und im großen Welpen-Guide.
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Split-Screen: Links ein glücklicher Welpe im bequemen Geschirr, rechts ein Welpe, der am Halsband zieht und hustet. Symbolbild für Komfort vs. Druck
Der Unterschied liegt in der Druckverteilung: Punktueller Druck am Hals vs. flächiger Druck an der Brust.

🐾 Aus meiner Praxis

Ich trainierte einmal einen jungen Mops, der nur am Halsband lief. Er röchelte ständig. Sein Besitzer dachte, das sei „rassetypisch“. Wir wechselten auf ein weiches Brustgeschirr. Innerhalb von zwei Tagen hörte das Röcheln beim Spaziergang auf. Gerade bei kurznasigen Rassen (Mops, Bulldogge) oder Rassen mit dünnen Hälsen ist ein Halsband oft eine Qual, weil es die ohnehin engen Atemwege noch mehr abdrückt. Probieren Sie es selbst: Drücken Sie mit dem Daumen leicht auf Ihren Kehlkopf und atmen Sie tief ein. Unangenehm, oder?

1. Anatomie-Check: Was passiert beim Ruck?

Unter der Haut am Hals liegen lebenswichtige Organe völlig ungeschützt:

  • Kehlkopf & Luftröhre
  • Schilddrüse
  • Halswirbelsäule (HWS)
  • Große Blutgefäße (Versorgung des Gehirns)

Wenn ein 10-Kilo-Welpe mit Anlauf in die Leine rennt, wirkt die gesamte Kraft auf diese wenigen Quadratzentimeter. Das kann zu Quetschungen, Entzündungen und sogar zu erhöhtem Augeninnendruck führen.

2. Warum das Geschirr für Welpen gewinnt

Ein Welpe handelt oft impulsiv („Oh, ein Schmetterling!“). Er wird in die Leine springen. Das lässt sich nicht verhindern.

Das Geschirr verteilt die Kraft:
Es leitet den Druck auf den Brustkorb und die stabilen Rippen um. Der Hals bleibt frei. Zudem haben Sie am Geschirr oft einen Rückengriff, mit dem Sie den Welpen in Gefahrensituationen schnell sichern oder hochheben können (z.B. bei aggressiven Fremdhunden).

3. Wofür brauche ich dann das Halsband?

Ist das Halsband nutzlos? Nein. Ich empfehle folgende Kombination:

  1. Für die Leine: Das Geschirr. Hier wird geführt.
  2. Für den „Ausweis“: Ein leichtes Halsband, an dem die Steuermarke und die Tasso-Plakette hängen.

Zudem kann man das Halsband später im Training nutzen, wenn der Hund perfekt leinenführig ist. Aber in der Lernphase gehört die Leine ans Geschirr.

Vergleichsgrafik: Y-Geschirr (grüner Haken, Schulter frei) vs. Norweger-Geschirr (rotes Kreuz, Schulter blockiert durch Quergurt)
Nicht jedes Geschirr ist gut: Die Schulterblätter müssen sich frei bewegen können.

4. Achtung Passform: Y-Geschirr vs. Norweger

Viele kaufen sogenannte „Norweger-Geschirre“ (ein Quergurt vor der Brust), weil sie einfach anzuziehen sind.
Vorsicht: Diese Gurte liegen oft genau auf den Schultergelenken und blockieren die Bewegung. Der Welpe muss den Schritt verkürzen.

Die Empfehlung: Wählen Sie ein verstellbares Y-Geschirr (Führgeschirr).
Es umschließt den Hals wie ein Y, der Gurt läuft zwischen den Vorderbeinen durch. Die Schultern sind komplett frei. Achten Sie darauf, dass die Schnallen nicht unter den Achseln scheuern (Abstand halten!).

Nahaufnahme von der Seite: Ein Welpe trägt ein gut sitzendes Y-Geschirr. Man sieht deutlich, dass die Schulter frei ist und der Bauchgurt genug Abstand zu den Achseln hat
Der perfekte Sitz: Zwei Fingerbreit Platz hinter den Vorderbeinen.

Häufige Fragen zu Geschirr & Halsband

Lernt der Hund am Geschirr nicht das Ziehen?

Nein, das ist ein Mythos. Ein Hund zieht, weil er gelernt hat, dass Ziehen zum Erfolg (Vorwärtskommen) führt – egal ob am Hals oder an der Brust. Leinenführigkeit ist reine Erziehungssache.

Soll ich das Geschirr nachts anlassen?

Nein. Ein Geschirr ist „Arbeitskleidung“. Zu Hause und nachts sollte der Hund nackt sein, damit sich Haut und Fell erholen können und keine Druckstellen entstehen.

Wie gewöhne ich ihn an das Geschirr?

Viele Welpen mögen es nicht, wenn etwas über den Kopf gezogen wird. Nutzen Sie Leckerlis! Halten Sie das Leckerli durch die Kopföffnung, sodass der Welpe den Kopf selbst durchsteckt. Hier finden Sie eine Anleitung.

Quellenhinweis: Anatomische Zusammenhänge zur Belastung der Halswirbelsäule basieren auf Untersuchungen der Jenaer Studie zur Hundefortbewegung.

Sabine Reincke
Sabine Reincke

Sabine ist das Herz und der Kopf hinter Hundeuniversum. Als Einsatzsanitäterin und langjährige Ausbilderin in einer Rettungshundestaffel (DRK) verbindet sie medizinisches Fachwissen mit echter Praxiserfahrung. Ihr Ziel: Hundebesitzern faktenbasiertes Wissen und Sicherheit zu geben – ohne Mythen, dafür mit viel Herz und Verstand.

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