Verunsicherter Welpe will nicht Gassi gehen und sitzt auf dem Gehweg.

Welpe will nicht Gassi gehen: Warum er streikt und wie Sie ihn motivieren

⚠️ Wichtiger Hinweis: Wenn Ihr Welpe das Laufen plötzlich verweigert, humpelt oder bei Berührung jault, kann ein gesundheitliches Problem (Fremdkörper in der Pfote, Zerrung, Bauchschmerzen) vorliegen. Suchen Sie im Zweifel einen Tierarzt auf, bevor Sie das Verhalten als „Trotz“ abtun.

Hallo, ich bin Sabine Reincke. Sie stehen vor der Haustür, die Leine in der Hand, bereit für das große Abenteuer. Aber Ihr Welpe? Der hat die Bremse reingehauen. Er sitzt wie ein kleiner Betonklotz im Flur oder auf dem Gehweg und rührt sich keinen Millimeter. Zieht man an der Leine, stemmt er sich mit aller Kraft dagegen.

Viele Halter denken jetzt: „Mein Hund ist stur“ oder „Er mag mich nicht“. Beides ist falsch. Ihr Welpe folgt einem uralten Instinkt, der sein Überleben sichert. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen den „Safe Haven“-Effekt und zeige Ihnen meinen liebsten Trick, mit dem jeder Welpe plötzlich doch laufen will.

⚡ Das Wichtigste in Kürze

  • Der Folgetrieb: In der Natur entfernen sich Welpen nie weit von der sicheren Höhle. Weite Spaziergänge widerstreben ihrem Instinkt.
  • Das „Heimweh-Phänomen“: Viele Welpen laufen vom Haus weg nur widerwillig, ziehen aber wie kleine Lokomotiven nach Hause zurück.
  • Niemals ziehen: Wer den Welpen hinterherschleift, erzeugt Gegendruck (Opposition Reflex) und Angst vor der Leine.
  • Kontext: Grundlagen zur Leine finden Sie im Artikel Leinengewöhnung und im Welpen-Guide.
Inhaltsverzeichnis (Hier klicken zum Ausklappen)
Ein kleiner Bulldoggen-Welpe sitzt breitbeinig und entschlossen auf dem Gehweg und weigert sich weiterzugehen, die Leine hängt locker
Kein Schritt weiter: Dieses Verhalten ist kein Trotz, sondern oft Unsicherheit.

🐾 Aus meiner Praxis

Neulich beobachtete ich einen Mann, der seinen Golden Retriever Welpen mit „Komm schon! Komm schon!“ und leichtem Zug an der Leine durch die Straße zog. Der Welpe stemmte alle vier Pfoten in den Boden. Ich riet dem Mann: „Nehmen Sie ihn mal auf den Arm, tragen Sie ihn 50 Meter bis zur nächsten Ecke und setzen Sie ihn dort ab.“ Er tat es. Sobald der Welpe wieder Boden unter den Füßen hatte und die vertraute Haustür nicht mehr direkt vor der Nase war, lief er fröhlich los. Manchmal muss man sie einfach über die „unsichtbare Mauer“ tragen.

1. Warum der Welpe streikt (Der Instinkt)

In der freien Wildbahn ist die Höhle (Ihr Haus) der einzige sichere Ort. Draußen lauern Feinde. Ein Welpe, der sich allein zu weit entfernt, ist leichte Beute.

Ihr Welpe hat also eine Art „unsichtbare Gummileine“ zum Haus.

👉 Vom Haus weg: Das Gummiband spannt sich, der Welpe bremst.

👉 Nach Hause hin: Das Gummiband zieht sich zusammen, der Welpe rennt.

Dazu kommt die Reizüberflutung. Autos, Gerüche, Wind – das alles muss verarbeitet werden. Oft bleibt der Welpe einfach stehen, um „Daten zu verarbeiten“.

2. Die Lösung: Der „Taxi-Trick“

Kämpfen Sie nicht gegen den Instinkt an. Überlisten Sie ihn.

  1. Hochnehmen: Tragen Sie den Welpen vom Haus weg. Ja, Sie dürfen ihn tragen! Sie verwöhnen ihn damit nicht.
  2. Distanz schaffen: Gehen Sie ca. 50 bis 100 Meter, bis das Haus außer Sichtweite ist oder die Umgebung spannender wird (Wiese/Park).
  3. Absetzen & Warten: Setzen Sie ihn ab. Lassen Sie ihn schnüffeln. Meistens siegt jetzt die Neugier über die Angst.
Vektor-Grafik: Ein Haus in der Mitte, darum ein kleiner Kreis (Sicherheitszone). Ein Pfeil zeigt: Welpe wird aus dem Kreis getragen und läuft dann fröhlich weiter
Raus aus der Komfortzone: Helfen Sie dem Welpen über die mentale Schwelle.

3. Alternative: Woanders starten

Manchmal ist die Umgebung direkt vor der Haustür zu laut oder zu bekannt („Hier hab ich schon alles geschnüffelt“).

  • Fahren Sie mit dem Auto oder dem Fahrrad (Korb) ein kleines Stück zu einem ruhigen Waldweg.
  • Dort ist alles neu. Der Erkundungsdrang wird geweckt.
  • Da das „sichere Haus“ nicht in Sicht ist, gibt es keinen Magneten, der ihn zurückzieht.

4. Was Sie absolut vermeiden müssen

Es gibt zwei Dinge, die das Problem verschlimmern:

Fehler A: Ziehen & Zerren

Wenn Sie an der Leine ziehen, löst das den „Opposition Reflex“ aus. Der Hund zieht automatisch in die Gegenrichtung. Außerdem lernt er: „Die Leine ist unangenehm.“ Das erschwert die spätere Leinenführigkeit massiv.

Fehler B: Locken mit Futter

Klingt paradox, aber: Wenn Sie den Welpen permanent mit dem Leckerli vor der Nase locken, läuft er zwar – aber nur wegen des Futters. Er setzt sich nicht mit der Umwelt auseinander. Sobald das Futter weg ist, steht er wieder. Nutzen Sie Futter lieber zur Belohnung, wenn er von selbst losgelaufen ist.

Nahaufnahme: Eine Person trägt einen Welpen liebevoll auf dem Arm einen Gehweg entlang, der Welpe schaut entspannt über die Schulter
Das Welpen-Taxi: Manchmal ist der sicherste Weg der auf dem Arm.

Häufige Fragen zu „Welpe will nicht laufen“

Ist mein Welpe faul?

Nein. Hunde sind Energiesparer, aber Welpen haben meist viel Energie. Wenn er nicht läuft, ist es fast immer Unsicherheit oder Überforderung, keine Faulheit.

Wann hört das auf?

Mit steigendem Selbstbewusstsein und wachsender Neugier gibt sich das meist von alleine. Ab dem 4. bis 5. Monat wollen die meisten Junghunde die Welt erkunden.

Darf ich ihn hinter mir herziehen?

Auf keinen Fall. Das schädigt die Halswirbelsäule (besonders am Halsband) und das Vertrauen zu Ihnen. Werden Sie lieber zum spannenden Entdecker, dem der Welpe folgen will.

Quellenhinweis: Verhaltensanalysen zum Sicherheitsbedürfnis von Caniden basieren auf Erkenntnissen der modernen Verhaltensbiologie.

Sabine Reincke
Sabine Reincke

Sabine ist das Herz und der Kopf hinter Hundeuniversum. Als Einsatzsanitäterin und langjährige Ausbilderin in einer Rettungshundestaffel (DRK) verbindet sie medizinisches Fachwissen mit echter Praxiserfahrung. Ihr Ziel: Hundebesitzern faktenbasiertes Wissen und Sicherheit zu geben – ohne Mythen, dafür mit viel Herz und Verstand.

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