
Alte Spuren im Mantrailing: Aufbau, Übungen & Fehler
Eine Spur, die 10 Minuten alt ist, ist für einen Hund wie eine leuchtende Neonreklame. Eine Spur, die 24 Stunden alt ist, gleicht eher einem verblassten alten Foto. Die Arbeit auf „alten Spuren“ (Aged Trails) ist der Ritterschlag für jedes Mantrailing-Team. Als Ausbilderin sehe ich hier oft die größten Missverständnisse: Es geht nicht darum, dass der Hund „besser“ riecht, sondern dass er lernt, ein völlig neues Geruchsbild zu akzeptieren. Hier zeige ich dir, wie du die Zeit besiegt.
📌 Das Wichtigste zu alten Spuren
- ✅ Die Chemie: Eine alte Spur riecht anders als eine frische. Bakterien haben die Hautschuppen zersetzt und das chemische Profil verändert.
- ✅ Der Zeitfaktor: Wir steigern das Alter langsam: Erst 2 Stunden, dann 4, dann „über Nacht“ (12-24h).
- ✅ Die Umgebung: Asphalt speichert Geruch oft schlechter als feuchter Waldboden (Bakterien brauchen Feuchtigkeit).
- ✅ Geduld: Alte Spuren werden langsamer gearbeitet. Der Hund muss sich „einsaugen“.
📚 Der Kontext: Dieser Artikel ist Teil der Serie „Mantrailing für Profis“. Zurück zur Übersicht
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Was passiert mit dem Geruch? (Biochemie)
Warum ist „alt“ so schwer? Es liegt nicht nur daran, dass der Geruch schwächer wird (weniger Moleküle). Er verändert seine Qualität.
Der Individualgeruch entsteht durch den Stoffwechsel von Bakterien, die unsere abgefallenen Hautzellen zersetzen . Dieser Prozess braucht Zeit („Reifung“) und durchläuft Phasen.
- Phase 1 (Frisch, 0-30 Min): Der Hund riecht primär das „Parfüm“ der Person (Körperpflegeprodukte, Kleidung).
- Phase 2 (Reif, 30 Min – 4 Std.): Die Bakterien arbeiten. Der typische Individualgeruch entsteht. Für viele Hunde ist das die „beste“ Phase.
- Phase 3 (Alt, 12 Std.+): Viele Bakterien sterben ab oder der Geruch wird durch UV-Strahlung zerstört („Desikkation“). Das Geruchsbild ist lückenhaft.

Der 4-Stufen-Plan zum „Aged Trail“
Überfordere deinen Hund nicht. Ein Sprung von 1 Stunde auf 24 Stunden funktioniert fast nie.
Stufe 1: Die „Mittagspause“ (2-4 Stunden)
Lege den Trail morgens, laufe ihn mittags. Wähle eine ruhige Waldgegend (feuchter Boden hilft den Bakterien). Der Hund wird merken, dass die Spur „kälter“ ist, aber meist noch gut folgen.
Stufe 2: Der „Tages-Trail“ (8-12 Stunden)
Lege den Trail morgens vor der Arbeit, laufe ihn abends. Jetzt kommen Faktoren wie Temperaturschwankungen (Tag/Nacht) dazu.
Stufe 3: „Over Night“ (Der Spur-Abriss)
Das ist der Knackpunkt. Wenn eine Nacht dazwischen liegt, ändert sich oft das Wetter (Tau, Frost). Das zerstört viele Geruchsmoleküle. Viele Hunde, die 12 Stunden am Tag super suchen, scheitern an 12 Stunden über Nacht.
Stufe 4: 24 Stunden +
Hier sind wir im Profi-Bereich der Rettungshundearbeit. Nur erfahrene Hunde schaffen das zuverlässig, besonders in der Stadt.
Feinde der alten Spur: Sonne, Wind & Verkehr
Nicht nur die Zeit nagt an der Spur, sondern die Umwelt.
* UV-Strahlung: Tötet Bakterien ab. Eine Spur auf einem sonnigen Parkplatz ist nach 2 Stunden „älter“ als eine Spur im schattigen Wald nach 24 Stunden.
* Verkehr: Autos wirbeln die Geruchspartikel weg. Auf stark befahrenen Straßen wird die Spur oft an den Rand (Rinnstein, Hauswände) gedrückt.

Wie sieht der Hund auf alter Spur aus?
Erwarte kein „Zugpferd“. Auf alten Spuren arbeiten Hunde oft:
- Langsamer: Sie müssen intensiver analysieren.
- Genauer: Sie kontrollieren öfter (Check), ob sie noch richtig sind.
- Tiefer: Oft geht die Nase runter, weil sich alte Geruchspartikel in Bodenritzen am besten halten.
Dein Job: Geduld! Gib dem Hund Zeit. Wenn du drängelst, treibst du ihn über die feinen Geruchsreste hinaus.
🐾 Aus meiner Praxis: Der 36-Stunden-Trail
Mein eindrücklichstes Erlebnis war ein Einsatz nach 36 Stunden. Die vermisste Person war durch einen regnerischen Wald gelaufen. Mein Hund startete extrem langsam, fast lustlos. Ich dachte: „Da ist nichts mehr.“
Aber er blieb dran. Er suchte nicht auf dem Weg, sondern tief im Unterholz daneben, wo die Büsche den Geruch „gefangen“ und vor dem Regen geschützt hatten. Wir fanden die Person. Die Lehre: Vertraue deinem Hund, auch wenn es für dich aussichtslos wirkt. Seine Nase findet Moleküle, von denen wir nicht mal träumen.
Häufige Fragen zu alten Spuren
Kann jeder Hund alte Spuren lernen?
Theoretisch ja, aber es erfordert hohe Frustrationstoleranz. Hektische Hunde („Renner“) tun sich oft schwerer als ruhige, akribische Sucher (wie Bloodhounds oder Schweißhunde), weil sie über die wenigen Moleküle hinwegrennen.
Wie motiviere ich den Hund, wenn es kaum noch riecht?
Durch hochwertige Belohnung („Jackpot“) am Ziel und kurze Distanzen. Lege am Anfang nur 100 Meter, die dafür aber 12 Stunden alt sind. Der Hund muss lernen: „Auch wenn es nur ganz schwach riecht, lohnt es sich, dranzubleiben.“
Riecht der Hund die Zeit?
Indirekt ja. Er lernt durch Spurendifferenzierung, dass die „ältere“ Chemie (abgestorbene Bakterien) zur „neueren“ Chemie (frische Spur an einer Kreuzung) in Beziehung steht. Er kann unterscheiden, ob eine Spur 1 Stunde oder 5 Stunden alt ist.
Quellenhinweis & Standards: Die Erkenntnisse zur Alterung von Geruchsspuren basieren auf wissenschaftlichen Studien zur Odorologie und Dissertationen im Bereich der Diensthundewesen (z.B. Wolf, A. zur Alterung menschlicher Individualgerüche).



