
Kreuzungsarbeit im Mantrailing: Eine Anleitung für Hundeführer
Eine gerade Straße kann jeder Hund laufen. Aber an der Kreuzung trennt sich die Spreu vom Weizen. Hier treffen Wind, Verkehr und Gebäudethermik aufeinander und erzeugen ein „Geruchs-Chaos“. Dein Hund muss dieses Chaos entwirren. Deine Aufgabe dabei? Ihm den Raum zu geben, den er braucht, und ihn nicht zu stören. Als Ausbilderin sehe ich hier die meisten Leinenfehler. Ich zeige dir, wie du Kreuzungen souverän meisterst.
📌 Das Wichtigste zur Kreuzungsarbeit
- ✅ Das Problem: An Kreuzungen sammelt sich Geruch („Scent Pool“). Der Abgang der Spur ist oft schwer zu finden.
- ✅ Die Taktik: „Casting“. Der Hund muss die Möglichkeit haben, alle Abgänge kurz zu prüfen (Check).
- ✅ Dein Job: Leinenhandling! Gib dem Hund Leine, bleib zentral stehen („Anker“) oder bewege dich passiv mit.
- ✅ Die Entscheidung: Bestätige das Negativ (falscher Weg) genauso wie das Positiv.
📚 Der Kontext: Dieser Artikel ist Teil der Serie „Mantrailing Technik“. Zurück zur Übersicht
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Physik: Warum Kreuzungen „Geruchs-Pools“ sind
Stell dir Geruch wie Wasser vor. Wenn eine Person an einer Kreuzung stehen bleibt (z.B. an der Ampel), „tropft“ ständig Geruch von ihr ab. Da an Kreuzungen oft Windstille herrscht (zwischen Häuserblocks) oder Autos die Luft verwirbeln, bildet sich dort eine große Geruchswolke – ein Scent Pool.
Für den Hund ist das wie Nebel. Er riecht die Person überall auf der Kreuzung. Die Schwierigkeit ist nicht, den Geruch zu finden, sondern den Ausgang (Trail Exit) aus diesem Pool zu lokalisieren.

Dein Job: Wo stehst du? (Leinenhandling)
Viele Anfängerfehler passieren hier. Wenn du einfach hinter dem Hund herläufst, drückst du ihn oft über die Kreuzung drüber.
Die „Anker“-Technik:
- Bleib kurz vor der Kreuzung stehen oder werde sehr langsam.
- Gib dem Hund die volle Leinenlänge (5-7m).
- Lass den Hund arbeiten (Pendeln).
- Dreh dich mit dem Hund mit, aber verlasse deine Position erst, wenn er sich entschieden hat („Commitment“).
Das Casting: Die Kunst des Ausarbeitens
Ein guter Mantrailer läuft nicht blind geradeaus. Er macht ein „Casting“ (systematisches Suchen). Er steckt die Nase kurz in Straße A („Nein“), dann in Straße B („Nein“), dann in Straße C („Ja!“).
Wichtig: Wenn der Hund in eine falsche Straße läuft, rucke nicht an der Leine! Er muss hineinlaufen, um das Negativ zu riechen. Erst wenn er sich umdreht oder zögert, weißt du: „Hier ist es nicht.“
Schritt-für-Schritt: Die erste Kreuzung
Wir fangen mit einer T-Kreuzung an (einfacher als 4 Wege).
- Schritt 1 (Offen): Die Versteckperson geht geradeaus über die Kreuzung (kein Abbiegen). Das ist für den Hund am einfachsten, da er den Schwung mitnimmt.
- Schritt 2 (Abbiegen): Die Person biegt rechtwinklig ab. Wir legen die Spur so, dass der Wind den Geruch in die abzweigende Straße drückt (Hilfe durch Wind).
- Schritt 3 (High Scent): Die Person reibt an der Ecke (am Abbiegepunkt) kurz mit der Hand über eine Mauer oder Laterne. Das schafft einen Fixpunkt für den Hund.

Profis: Wenn die Spur versetzt ist (Offset)
In der Stadt liegt die Spur selten genau auf dem Gehweg. Der Wind drückt sie auf die andere Straßenseite. Das nennt man Versatz (Offset).
Es kann sein, dass dein Hund an einer Kreuzung 10 Meter parallel zur eigentlichen Spur läuft. Das ist kein Fehler! Er folgt dem Geruchskorridor. Vertraue ihm, solange er Zug auf der Leine hat und fokussiert wirkt.
🐾 Aus meiner Praxis: Der Kreisverkehr
Kreisverkehre sind der Endgegner. Die Autos wirbeln die Luft permanent im Kreis. Der Geruch wird wie in einer Zentrifuge nach außen geschleudert.
Mein Hund hat gelernt: „In der Mitte ist Chaos.“ Er läuft Kreisverkehre immer außen an der Hauswand ab. Dort fängt sich der Geruch, der aus dem Kreisverkehr herausgeweht wurde. Wenn du deinen Hund zwingst, innen zu laufen, wird er nur verwirrt sein. Die Lösung liegt oft am Rand!
Häufige Fragen zu Kreuzungen
Mein Hund kreiselt an der Kreuzung. Was soll ich tun?
Geduld! Kreiseln ist oft ein Zeichen, dass er den Ausgang aus dem Scent Pool sucht. Bleib passiv stehen („Anker“) und gib ihm Zeit. Wenn er länger als 2-3 Minuten kreiselt, hilf ihm vorsichtig („Reset“), indem du ihn ein Stück zurückführst und neu ansetzt.
Wie erkenne ich, dass er die Spur wieder hat?
Achte auf den „Head Pop“ (Kopf geht hoch) und den „Body Snap“ (Körper strafft sich, Rute geht hoch). Das Tempo zieht meist sofort an („Commitment“). Wenn er nur lustlos weiterschlurft, hat er die Spur noch nicht sicher.
Soll ich den Hund an der Kreuzung „Sitz“ machen lassen?
Nein, auf keinen Fall. Das unterbricht den Flow und die Konzentration („Triebabbruch“). Du kannst kurz stehenbleiben, um den Verkehr zu checken, aber der Hund sollte im Suchmodus bleiben dürfen.
Quellenhinweis & Standards: Die Taktik des „Casting“ an Kreuzungen und das Verständnis von Scent Pools basieren auf den Ausbildungsrichtlinien der Georgia K9 (Jeff Schettler) für urbane Einsätze.